Verschläft die CSU erneut die bildungspolitische Entwicklung?
Schon einmal hatten die CSU-Bildungspolitiker wichtige bildungspolitische Entscheidungen fast verschlafen: Die Einführung des achtjährigen Gymnasiums (G8) wurde kurzfristig im Herbst 2003 vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber mit der damaligen CSU-Mehrheit im bayerischen Landtag eher robust durchgesetzt und löste langjährige Irritationen in der bayerischen Bildungspolitik aus und verunsicherte treue konservative Anhänger. Stoiber hatte erkannt, dass Bayern Schlusslicht in Deutschland bei der Einführung des G8 werden könnte. Das war mit seinem bayerischen Geltungsanspruch als führendes Bundesland in Europa und der Welt nicht vereinbar.
Ähnlich könnte es Bayern mit seinem dreigliedrigen Schulsystem mit der Hauptschule als Mittelpunkt widerfahren. Der bayerische Kultusminister Dr. Ludwig Spänle, von Ministerpräsident Horst Seehofer für den eher zurückhaltend handelnden Minister Schneider eingesetzt, ist zwar erheblich agiler und offensiver im Umgang mit der Öffentlichkeit– als gelernter Journalist auch kein Wunder. Doch der selbst gewählte Anspruch von Kultusminister Spänle „wir wollen Kinder stärker individuell fördern und die Durchlässigkeit erhöhen“ (Presseerklärung vom 28. Juli 09) stößt dort an seine Grenzen, wenn es um das dreigliedrige bayerische Schulsystem geht. Die Eltern haben es längst erkannt, die Hauptschule bietet nicht die gewünschte Lebensperspektive: Im Herbst 2009 wechselten drei Prozent mehr Kinder als im letzten Jahr von der vierten Grundschulklasse in das Gymnasium in Augsburg sind es sogar zehn Prozent und in der Stadt und im Landkreis Würzburg neun Prozent um nur einige zu Städte zu nennen. Der Bildungsmonitor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft stellte außerdem so nebenbei fest, dass es keine systematische Förderung von Lernschwachen in Bayern gäbe.
Angesichts der auch in Bayern auf Dauer abnehmenden Schülerzahlen, könnte die Hauptschule eines Tages mangels Schüler verschwinden. In den Regierungsbezirken Niederbayern, der Oberpfalz und Teilen Oberfrankens wird nach Angaben des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) der Rückgang der Hauptschüler in den nächsten Jahren 40 Prozent betragen – über 700 kleine Hauptschulen wurden seit der Einführung der sechs-jährigen Realschule (R6) schon geschlossen – weitere sind gefährdet. Hinzu kommt, dass die Übertrittsquoten von der Grundschule in die Hauptschule regional stark schwanken: In Sulzbach (Oberpfalz) sind es noch 50 Prozent, im reichen Starnberg und in der Siemens-Stadt Erlangen gehen jedoch nur noch 10 Prozent der Schüler auf die Hauptschule – der Begriff „Restschule“ trifft hier auf die Hauptschule zu. Erstmals besuchen in diesem Schuljahr 2009/2010 40 Prozent der Schüler ein Gymnasium, in den letzten sechs Jahren verlor die Hauptschule 60.000 Schüler. Zusammen mit den beruflichen Schulen hat Bayern
laut Bildungsmonitor 2009 des Forschungsinstituts IW, der das Jahr 2007 untersuchte, den drittniedrigsten Wert bundesweit bei der Studienberechtigungsquote mit 34,9 Prozent. Bei den sogenannten MINT-Studiengängen, d.h. den Ingenieurwissenschaften, liegt Bayern auf dem 14. von 18. Plätzen und Bayern weist – bezogen auf die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Ingenieure – die geringste Ersatzquote auf. Die bayerischen Unternehmen müssen daher seit Jahren viele Akademiker aus anderen Bundesländern anwerben. Der relativ geringe Akademisierungsgrad erhöht den Druck auf die Schulen, die Zahl der Studierfähigen zu erhöhen. Die Folge: die Hauptschule blutet über kurz oder lang aus. Kultusminister Spänle (CSU) antwortet darauf mit dem Konzept der Mittelschule, dass aber nur für einige geeignete Hauptschulen in größeren Gemeinden geeignet ist und der Einführung von regionalen Dialogforen zur Bildungspolitik.
Vor zehn Jahren wären dies sinnvolle Schulinitiativen gewesen, doch heute kommen diese Aktionen zu spät. Der Druck auf das bayerische Kultusministerium nimmt zu, sein dreigliedriges Schulsystem zu überdenken. In den östlichen Bundesländern, den CDU- geführten Bundesländern Saarland, Schleswig-Holstein, Hamburg und im SPD- regierten Rheinland-Pfalz wurden bereits zweigliedrige Schulmodelle eingeführt, bei denen das Gymnasium und eine unterschiedlich gestaltete Gemeinschaftsschule als Schulformen übrig bleiben. Druck auf die bisherige bayerische Bildungspolitik kommt auch von der bayerischen Wirtschaft, die die ersten Ganztagsangebote für Hauptschüler finanziell unterstützt hat und qualifizierte Absolventen für ihre Ausbildungsangebote sucht. Mindestens 5000 Hauptschüler verlassen die bayerische Hauptschule ohne Abschluss. Vertreter der Wirtschaft, wie der DIHK Bildungsexperte Heintz befürchten, dass bis zu 25 Prozent der Hauptschüler bundesweit nicht ausbildungsreif sind und damit keinen der angebotenen Berufe erlernen können.
Der BLLV, die größte Lehrerorganisation in Bayern, fordert seit längerem zusammen mit vielen Bürgermeistern, Gemeinderäten und Eltern eine regionale Schulentwicklung, die passgenaue Lösungen vor Ort entwickeln soll, um die Förderung der Jugendlichen erheblich zu verbessern. Über hundert Gemeinden – darunter viele CSU –Bürgermeister – haben mittlerweile Anträge auf Genehmigung von Modellversuchen zur regionalen Schulentwicklung gestellt. Die Kooperation zwischen Hauptschulen und Realschulen ist jedoch nur für Wahlbereiche gestattet. Der BLLV fordert Modellversuche, die bei Bedarf auch Kooperationen zwischen Hauptschulen und Realschulen im unterrichtlichem Pflichtbereich erlauben. Doch Kultusminister Spänle lehnt dies ab, wahrscheinlich auch, da der Realschullehrerverband und der gymnasiale Philologenverband strikt gegen jede Aufweichung des bayerischen dreigliedrigen Schulsystems agieren und damit dem bayerischen Kultusminister wenig inhaltlichen Spielraum ermöglichen. Derzeit steht die CSU mit ihrem starren Festhalten am dreigliedrigen Schulsystem im bayerischen Landtag allein: Ihr Koalitionspartner FDP drängt zaghaft auf Reformen, die Oppositionsparteien SPD, Grüne und Freien Wähler unterstützen den BLLV bei seinen Reformimpulsen. Der BLLV forderte in seiner Bilanz des vergangenen bayerischen Schuljahres 2008/2009: „Im Mittelpunkt aller schulpolitischen Bemühungen muss die Förderung der Schüler stehen nicht das krampfhafte Festhalten an einem fragwürdigen Auslesesystem.“ Der BLLV befragte dieses Jahr wieder die Hauptschullehrer, 660 antworteten und vergaben an die bayerische Bildungspolitik die
Durchschnittsnote 4,96, noch mal schlechter als im Juni 2008 vor der bayerischen
Landtagswahl. Die Unterschiede der Bewertungen von Schulleitungen und Lehrern sind dabei geringfügig, insgesamt knüpft nur „eine kleine Minderheit der Befragten positive
Erwartungen“ an eine Hauptschulreform (BLLV – Hauptschulbefragung, Seite 6). 86 Prozent der Rektoren an Hauptschulen bezweifeln, dass mit den geplanten Maßnahmen die Durchlässigkeit des bayerischen Schulsystems erreicht werden kann. Wenn auch die Schulleiter die geplanten Maßnahmen für falsch einschätzen muss dies für Kultusminister Spänle besonders bitter sein.
Man kann jedoch dem bayerischen Kultusminister weder Untätigkeit noch Erkenntnismangel
assistieren: Seit seinem Amtsantritt hat er vielfältige Einzelinitiativen für die verschiedenen
Schulformen angekündigt, auch wird ihm von Bildungsreformern durchaus der Mut zu
Reformen abgenommen. Doch es bleibt das Grundproblem, dass schon in der Grundschule
der Leistungsdruck für den Übergang auf das Gymnasium extrem zunimmt und die
Schüler ab nach der vierten Grundschulklasse in verschiedene Schultypen sortiert werden.
Kleine Schulen vor Ort mussten wegen Schülermangel geschlossen werden, selbst Modellversuche von Kooperationen z.B. von Haupt -und Realschulen werden im Pflichtstundenbereich nicht vom Kultusministerium genehmigt. Reformen sind für den BLLV-Präsidenten Klaus Wenzel überfällig. Für ihn steht die bayerische Bildungspolitik vor einer Richtungsentscheidung, mit einer Strukturveränderung wie der regionalen Schulentwicklung müsste sofort begonnen werden, damit auf Dauer die Schüler umfassender gefördert werden können und es weniger Sitzenbleiber im bayerischen Schulsystem gibt – die kosten derzeit 200 Millionen Euro im Jahr. Mit dem Geld kann viel Förderunterricht bezahlt werden. Die Mitglieder der von Kultusminister Spänle geplanten Dialogforen müssten aus der Sicht von Wenzel echte Entscheidungskompetenzen bekommen. Für die Bürgermeister ist die Schule am Ort lebenswichtig, denn ohne Schule ziehen keine Familien zu und ohne Familien
hat die Gemeinde keine Zukunft.
Mit ihrer Bildungspolitik hat die CSU bei der letzten Landtagswahl ihre absolute Mehrheit
im bayerischen Landtag verloren und war nach Jahrzehnten gezwungen eine Koalition mit
der FDP einzugehen. Mitte September beginnt in Bayern das Schuljahr, viele Eltern werden sich dann wieder daran erinnern, dass sie mit der bayerischen Bildungspolitik und der Förderung ihrer Jugendlichen nicht zufrieden sind. Vielleicht zwingen die Ergebnisse der Bundestagswahl die CSU zu bildungspolitischen Kurskorrekturen. Die CSU hat schon immer um ihre Macht zu erhalten, unideologische Beschlüsse gefasst – vielleicht gibt es im Jahr 2010 eine bildungspolitische Reform in Bayern? Bis jetzt sieht es noch nicht so aus: Kultusminister Spänle hat kurz vor Weihnachten und Anfang Januar Konferenzen auf
Ebene der sieben bayerischen Bezirksregierungen angesetzt um mit den Rektoren die
Hauptschulreform zu diskutieren. Mittlerweile kann es den Beobachter der bayerischen Bildungspolitik von den vielen Initiativen, Reformen und Abschlüssen schon ganz schwindelig werden. Vielleicht sollte sich die CSU auch überlegen, ob ihre bildungspolitischen Berater immer hilfreich sind. Ein besonders beliebter Experte ist Professor Fritz-Dietrich Neumann vom Fachbereich Erziehungswissenschaften von der Universität Lüneburg, der vor Landtagswahl 2008 zweimal zu prominenten
Bildungsveranstaltungen eingeladen wurde. Eine seiner Kernsätze: „Das mehrgliedrige Schulsystem (…) ist das selektionsprämierte Ergebnis eines erfolgreichen Anpassungsprozesses an berufpraktische Strukturen und an die Gegebenheiten der menschlichen Lern-und Begabungsnatur.“ (Bildung in Bestform – welche Schule braucht Bayern ? Hans-Seidel-Stiftung, Argumente und Materialien zum Zeitgeschehen, Nr 58, Seite 18) Schwer vorstellbar, dass ein bayerischer Pädagogikprofessor diese Thesen unterschreiben würde.
Gerhard L.Endres, München, 3.1.2010
Ein sehr guter Bericht über die Vergangenheit und der Gegenwart der Bildung in Bayern. Die Zukunftsaussichten werden in einem anschaulichen Szenario beleuchtet. Doch der gewünschte Druck auf die bayerische Staatsregierung zur Abkehr aus dem dreigliedrigen Schulsystem auszusteigen und Hilfeleistungen des Staates für „Lernschwache“, (ich mag dieses Wort nicht und nenne diese Gruppe lieber „etwas langsamere Lernende“), und den Kindern mit schwächen in der deutschen Sprache, ist zu gering. Dies kann, ja MUSS sich schnellstens ändern, sollten wir den Sprung in das Informationszeitalter durch die Regierenden weiter blockieren lassen. Vielleicht kennt der Autor übergeordnete Netzwerke die als Lobby für den Bildungsstandort arbeitet oder eine Bürgerinitiative oder Vereinigung die ein „Bildungsvolksbegehren“ vorbereiten oder schon initiiert haben.