Deutscher Qualifikationsrahmen: Lobby der Gymnasien gefährdet deutsche Berufsausbildung
Am Donnerstag, 8.12.2011 trifft sich die Kultusministerkonferenz (KMK) mit der Wirtschaft und den Gewerkschaften
Die Kultusminister wollen das Abitur auf der Skala von eins bis acht auf fünf setzen, einen mindestens dreijährigen Berufsabschluss auf vier.
Bundesregierung, Wirtschaftsminister, Wirtschaft und Gewerkschaften fordern in seltener Einmütigkeit die Gleichwertigkeit der Abschlüsse von allgemeiner und beruflicher Bildung und damit die Eingruppierung von Abitur und mindestens dreijähriger Berufsausbildung jeweils auf vier.
In neun anderen europäischen Ländern ist diese der nationalen Qualifikationsrahmen so vorgenommen worden. Ausgerechnet im Land einer weltweit vorbildlichen verzahnten Berufsausbildung im Betrieb und Berufschule, der sogenannten dualen Berufsausbildung versuchen die Kultusminister den Vorrang des Gymnasiums vor der beruflichen Berufsausbildung zu zementieren. In Sonntagsreden wird die Berufsausbildung gelobt, der Meister gefeiert. Doch an den Werktagen wird den Akteuren der beruflichen Bildung und ihrer Reputation das Leben schwer gemacht. Nicht nur dass die Vertreter der Kultusministerien unverantwortlich in den Kommissionen taktiert haben und damit die Arbeit verzögert haben, nein es kommt noch hinzu, dass die Brisanz schlicht und einfach negiert wird, so z.B. vom Präsidenten der Kultusministerkonferenz dem niedersächsischen Kultusminister Althusmann: „Es wird am 8. Dezember unter meiner Leitung ein Gespräch mit den Sozialpartnern, Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften in Berlin geben, gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen der KMK. Ich kann mir vorstellen, dass man sich verständigt. Klar muss aber sein, wir müssen versuchen unsere allgemeine Hochschulzugangsberechtigung und hoch qualifizierte Berufsabschlüsse gleichsam auf das höchstmögliche Niveau in Europa zu bekommen. Das ist nämlich der Beschluss der KMK: berufliche Ausbildung und allgemeine Hochschulzugangsberechtigung Stichwort Abitur auf das Kompetenzniveau 5 zu bringen und dann die Berufsausbildung auf drei Niveaustufen zu differenzieren. Gegebenenfalls wird es am Ende einen Kompromiss geben.“(So im Bildungsklick vom 24.11.2011) und weiter:
„Dr. Bernd Althusmann: Einen worst case hoffe ich, wird es nicht geben. In Deutschland haben wir genügend vernünftige
Menschen, sowohl aufseiten der KMK als auch aufseiten der Wirtschaftsvertreter, dass wir uns sicherlich verständigen
werden. Klar muss aber sein, gerade die starke duale Berufsausbildung in Deutschland muss auf ein hohes europäisches
Niveau. Wir dürfen uns nicht länger darüber beklagen, wenn wir nicht ausreichend mit dieser Ausbildung anerkannt werden,
wenn uns das jetzt nicht gelingt.“ (Bildungsklick 24.11.2011)
Herr Althusmann scheint den Ärger den die Kultusministerkonferenz
derzeit permanent mit ihren Argumenten auslöst, total auszublenden.
Wenn das eher besonnene Handwerk von „einem Generalangriff auf die dualen Berufsausbildung“ spricht (Presseerklärung vom 24.10.2011), dann geht es nicht um fadenscheinige Kompromisse sondern um eine Entscheidung für oder gegen die Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung. Dann geht es auch um das Gespräch auf Augenhöhe, bei der nicht die Kultusminister über Kompromisse feilschen können, wie sie das vielleicht ja mit anderen Gruppen in der Gesellschaft gewöhnt sein könnten. Der Hauptausschuss des Bundesinstituts für Berufbildung (BIBB), in dem Bund, Länder, Wirtschaft und Gewerkschaften die Leitlinien der beruflichen Bildung gemeinsam besprechen, beschloss dass der Beschluss der Kultusminister
“weder inhaltlich unterlegt noch nachvollziehbar begründet”, sei so der BIBB-Hauptausschuss. Das auch als “Parlament der Berufsbildung” bezeichnete BIBB-Gremium befürchtet einen Attraktivitätsverlust der dualen Berufsausbildung und damit negative Auswirkungen auf die Nachwuchssicherung sämtlicher Wirtschaftsbereiche. “Es besteht die Gefahr, dass sich immer weniger junge Menschen mit allgemeiner Hochschulreife für eine berufliche Ausbildung entscheiden, wenn ihnen suggeriert wird, dass ihr Schulabschluss höherwertiger ist als ein Berufsabschluss.” Daher rufen die Mitglieder des BIBB-Hauptausschusses die Kultusminister daher auf, “ihre Entscheidung zu überdenken und zu korrigieren”. (Beschluss des Hauptausschusses vom 29.11.2011). Der IG Metall Bildungsexperte Klaus
Heimann sagt dazu: „Natürlich werden Wirtschaft und Gewerkschaften Gespräche mit der KMK führen. Aber unter anderen Bedingungen als die KMK das am 8. Dezember vorschlägt. Gespräche gibt es nur auf Augenhöhe und mit
ergebnisoffenem Ausgang“. Die Gewerkschaften drängen daher auf einen anderen Termin und auf eine andere Zusammen-setzung als von der KMK geplant.
Die Ergebnisse der allgemeinen deutschen Bildungspolitik sind ja nicht so hervorragend, dass sie einen wirklich funktionierenden Bildungsbereich entscheidend schwächen sollten. Und vielleicht noch was: In Zukunft ist der Mangel an Fachkräften mit einer dualen beruflichen Ausbildung größer als der an Akademikern. Vergessen wird oft, dass viele Ingenieure vorher eine Ausbildung durchlaufen haben. Gerade die duale Berufsausbildung in Verbindung mit Theorie ist das Rückrat für die Produktion in Handwerk und Industrie. Viele deutsche mittelständische Unternehmen sind in ihren Segmenten Weltmarktführer. Ein großer Hersteller von Bussen sagte bei einem Betriebsbesuch, wir bilden die zukünftigen Facharbeiter drei Jahre aus und bilden Sie noch zwei Jahre weiter, dass sie die hohe Qualität der Busse herstellen können. In anderen Ländern in Europa könnten wir diese Qualität nicht herstellen.
Wollen dies wollen die Kultusminister wegen dem Druck aus dem Bereich der Lobbyisten aus dem Gymnasialbereich
opfern ? Spätestens sind hier die Ministerpräsidenten gefordert.
Anhang 1
www.zdh.de
© 2011 Zentralverband des Deutschen Handwerks e.V.
Handwerk beklagt Generalangriff auf die berufliche Bildung
Zum Beschluss der Kultusministerkonferenz der Länder, wonach das Abitur höherwertig eingestuft werden soll
als der Großteil der dualen Ausbildungsabschlüsse, erklärt Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH): „Mit ihrer Entscheidung hat sich die Kultusministerkonferenz bildungspolitisch isoliert. Sämtliche andere Akteure, die an der Erarbeitung des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR) beteiligt sind – der Bund sowie die
Sozialpartner und Wirtschaftsorganisationen – plädieren schon seit langem für eine gleichwertige Einstufung der
dualen Berufsausbildung mit dem Abitur auf Niveau 4 des DQR. Selbst die Wirtschaftsminister der Länder haben sich im vergangenen August hierfür ausgesprochen. Die Entscheidung der KMK wertet das Handwerk als Generalangriff auf die duale Berufsausbildung. Der beruflichen Bildung muss ein angemessener Platz im nationalen Bildungssystem eingeräumt werden. Ansonsten riskiert die KMK bewusst das Scheitern des nationalen Qualifikationsrahmens und nimmt eine
Gefährdung des Wirtschaftsstandortes Deutschland in Kauf.
Die duale Ausbildung ist die zentrale Basis für die Sicherung des Fachkräftebedarfs der Wirtschaft. Sie zu untergraben ist inakzeptabel. Wenn der Großteil der Ausbildungsberufe unterhalb der allgemeinen Hochschulreife eingeordnet wird, droht der dualen Berufsausbildung in Deutschland ein massiver
Attraktivitätsverlust.“
[24.10.2011]
Anlage 2
50/ 2011
Bonn, 01.12.2011
Deutscher Qualifikationsrahmen: BIBB-Hauptausschuss fordert Kultusministerkonferenz zum Umdenken auf
Der Hauptausschuss des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hat zur Entscheidung der Kultusministerkonferenz (KMK) Ende November eine Stellungnahme verabschiedet: Der Beschluss der KMK, wonach das Abitur bei der Ausgestaltung des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR) auf Niveaustufe 5 und damit höher als viele Abschlüsse der beruflichen Bildung eingeordnet werden sollte, sei “weder inhaltlich unterlegt noch nachvollziehbar begründet”, so der BIBB-Hauptausschuss. Sollte dieser Beschluss so bestehen bleiben, befürchtet das auch als “Parlament der Berufsbildung” bezeichnete BIBB-Gremium einen Attraktivitätsverlust der dualen Berufsausbildung und damit negative Auswirkungen auf die Nachwuchssicherung sämtlicher Wirtschaftsbereiche. “Es besteht die Gefahr, dass sich immer weniger junge Menschen mit allgemeiner Hochschulreife für eine berufliche Ausbildung entscheiden, wenn ihnen suggeriert wird, dass ihr Schulabschluss höherwertiger ist als ein Berufsabschluss.” Die Mitglieder des BIBB-Hauptausschusses rufen die Kultusminister daher auf, “ihre Entscheidung zu überdenken und zu korrigieren”.
Der BIBB-Hauptausschuss sowie die Bundesregierung, die Wirtschaftsministerkonferenz der Länder, die Sozialpartner und die Wirtschaftsorganisationen setzen sich übereinstimmend dafür ein, das Abitur sowie die drei- und dreieinhalbjährigen Ausbildungsberufe gleichwertig auf die Niveaustufe 4 des DQR zuzuordnen.
Der bis zum kommenden Jahr bildungsbereichsübergreifend zu entwickelnde Deutsche Qualifikationsrahmen bildet – genauso wie der Europäische Qualifikationsrahmen (EQR), mit dem der DQR eng verzahnt werden muss – die Wertigkeit von Qualifikationen in einer achtstufigen Skala ab. Mit der Umsetzung der Qualifikationsrahmen sollen sich Qualifikationsstandards in Europa etablieren, wodurch Transparenz und Mobilität gefördert, die Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Bildungsbereichen erhöht und die Gleichwertigkeit zwischen allgemeiner, hochschulischer und beruflicher Bildung verwirklicht werden sollen.
Der Hauptausschuss des BIBB hat die gesetzliche Aufgabe, die Bundesregierung in grundsätzlichen Fragen der Berufsbildung zu beraten. Dem Ausschuss gehören zu gleichen Teilen Vertreter und Vertreterinnen der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände sowie der Bundesländer und der Bundesregierung an.
Anlage 3
Anlage zur BIBB-Pressemitteilung Nr. 50/2011 vom 01.12.2011:
Stellungnahme des Hauptausschusses des
Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB)
Bewertung des Beschlusses der Kultusministerkonferenz (KMK)
zum Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR)
Im Einklang deutscher und europäischer Bildungspolitik sollen Mobilität und Transparenz gefördert, die Durchlässigkeit zwischen verschiedenen Bildungsbe-reichen erhöht und die Gleichwertigkeit zwischen allgemeiner, hochschulischer und beruflicher Bildung verwirklicht werden. Hierauf zielt der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR) ab. Im Erarbeitungsprozess zum DQR gab es einen breiten Konsens zwischen Bundesregierung, Kultusministerkonferenz, Hochschulrektoren-konferenz, Wirtschaftsministerkonferenz, Sozialpartnern, Wirtschaftsorganisationen und anderen wichtigen Akteuren des deutschen Bildungs- und Qualifizierungssystems. Die Matrix des DQR wird von all diesen Beteiligten als geeignete Grundlage für die weitere Erarbeitung akzeptiert. Im Rahmen der Zuordnung von Qualifikationen haben sich Bundesregierung, Wirtschaftsministerkonferenz, Sozialpartner und Wirtschaftsorganisationen fachlich durch die Matrix des DQR begründet positioniert: Qualifikationen der Allgemeinbildung und der beruflichen Erstausbildung sollen den Niveaus 1 bis 4, die der beruflichen Weiterbildung und akademischen Bildung den Niveaus 5 bis 8 zugeordnet werden. Diese Zuordnung steht im Einklang mit europäischen Entwicklungen. Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat in ihrer Plenarsitzung am 20./21.10.2011 den Beschluss gefasst, die allgemeine Hochschulreife (AHR) und die fachgebundene Hochschul-reife (FgbHR) auf Niveau 5 des DQR zuzuordnen. Die berufliche Bildung soll offensichtlich zudem größtenteils niedriger bewertet werden als die allgemeine Hochschulreife. Damit stellt sich die KMK bewusst gegen die Position der anderen am Erarbeitungsprozess beteiligten Akteure.
Der Zuordnungsvorschlag der KMK ist absolut inakzeptabel. Er ist weder inhaltlich unterlegt noch nachvollziehbar begründet. Das Abitur entspricht nicht den Kriteri-en, wie sie in der Matrix des DQR auf Niveau 5 beschrieben sind. Abiturienten weisen mit ihrem Schulabschluss nicht die Handlungskompetenzen im Sinne des Niveaus 5 des Deutschen oder des Europäischen Qualifikationsrahmens auf (so besitzen sie nicht die Fähigkeiten und Kenntnisse zur Führung von Teams). Das Abitur ist oft erst die Basis, um eine berufliche Ausbildung in Unternehmen oder ein Studium aufnehmen zu können. Das Ansinnen der Kultusminister reflektiert auch nicht die damit verbundenen Konsequenzen für das deutsche Qualifikations- und Beschäftigungssystem. Ihr Beschluss wird sich, sollte er so bestehen bleiben, äußerst negativ auf die Nachwuchssicherung sämtlicher Wirtschaftsbereiche und -sektoren auswirken. Die duale Berufsausbildung wird einen Attraktivitätsverlust erleiden. Es besteht die Gefahr, dass sich immer weniger junge Menschen mit allgemeiner Hochschulreife für eine berufliche Ausbildung entscheiden, wenn ihnen suggeriert wird, dass ihr Schulabschluss höherwertiger ist als ein Berufsabschluss. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des jetzt schon bestehenden Fachkräftemangels ist das eine alarmierende Vorstellung. Der Wirt-schaftsstandort Deutschland ist auch in Zukunft auf gute, beruflich qualifizierte Fachkräfte angewiesen. Mit ihrer Position, dass AHR und FgbHR qualitativ über dem Gros der dualen Ausbildungsberufe stehen, stellt die KMK auch das Bestreben um eine Beförderung der Gleichwertigkeit der Bildungsbereiche innerhalb des Bildungssystems infrage. Der bisher im Rahmen der Erarbeitung des DQR erzielte Konsens hinsichtlich Gleichwertigkeit und Durchlässigkeit zwischen akademischer und beruflicher Bildung wird konterkariert. Das betrifft beispielsweise die gleichwertige Zuordnung von Bachelor und Meister auf Niveau 6 sowie von Master und Strategischer Professional auf Niveau 7. Die Mitglieder des Hauptausschusses des Bundesinstituts für Berufsbildung fordern, dass alle Qualifikationen entsprechend der Niveaubeschreibungen und un-abhängig von Zugangsberechtigungen dem DQR zugeordnet werden. Unternehmen, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Lehrende und Lernende werden
eine Höherbewertung von AHR und FgbHR im DQR-Niveau 5 nicht akzeptieren. Die Mitglieder des Hauptausschusses fordern die Kultusminister der Länder auf, die bisherigen Errungenschaften des DQR, insbesondere mit Blick auf den Übergang vom Bildungs- ins Beschäftigungssystem, nicht zur Disposition zu stellen. Sie rufen die Kultusminister auf, ihre Entscheidung im Lichte ihrer bildungspolitischen Gesamtverantwortung zu überdenken und zu korrigieren. Es muss das gemeinsame Interesse aller Verantwortlichen sein, mit dem DQR ein in sich stimmiges Zuordnungssystem zu finden, das sowohl der Weiterentwicklung des gesamten Bildungssystems als auch der Orientierung aller Unternehmen, Lernenden und Arbeitnehmer dient. Auch die Entscheidung, die AHR, die FgbHR und die Fachhochschulreife (FHR) unterschiedlichen Niveaus zuzuordnen, muss überdacht werden.
Die Mitglieder des Hauptausschusses unterstützen nachdrücklich die Position der Bundesregierung und der Wirtschaftsministerkonferenz, wonach das Abitur dem Niveau 4 im DQR zugeordnet werden soll, und bitten beide, diese Position konsequent weiter zu vertreten. Sie erwarten von der KMK, dass der bisher beschrittene Weg der konsensualen Abstimmung aller Akteure im weiteren Erarbeitungsprozess des DQR wieder beachtet wird.